Aktuelles

Entwicklung der Beratungen
Der Sinti-Verein veranschaulicht mittels Diagrammen, wie die Zahl der Beratungen und der Kunden im Sinti-Vereins zugenommen hat und welcher zusätzlicher Ressourcen es bedarf, den erhöhten Anforderungen gerecht zu werden. Angesichts der kritischen Lage ist die Aufnahme zusätzlicher Berater entscheidend, um die stets steigende Nachfrage bewältigen und die Beratungsqualität halten zu können.
Austausch mit der SAGA
Am 07.08.2026 durfte der Sinti-Verein zur Förderung von Kindern und Jugendlichen e.V. Herrn Hüttig, Leiter der SAGA-Geschäftsstelle Osdorf, sowie Herrn Riering, Leiter der Kundenbetreuung, im Verein begrüßen.
Für den Sinti-Verein nahmen der 1. Vorsitzende Christian Rosenberg und der 2. Vorsitzende Giovanni Weiß an dem Gespräch teil.
In einer offenen, respektvollen und konstruktiven Atmosphäre fand ein intensiver Austausch zu verschiedenen Themen statt. Der Sinti-Verein bedankt sich herzlich für das angenehme Gespräch und die Bereitschaft zum offenen Dialog.
Der Sinti-Verein legt großen Wert auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit und möchte den regelmäßigen Austausch auch künftig fortführen. Ziel ist es, den guten Kontakt weiter zu pflegen, gemeinsam im Gespräch zu bleiben und das partnerschaftliche Verhältnis kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Persönliche Gedanken über Erinnerung und transgenerationales Trauma
Die letzten Tage versinke ich immer wieder in Gedanken. Ich frage mich: Wie wäre mein Leben wohl gewesen, wenn mein Ururgroßvater, meine Ururgroßmutter und so viele andere aus meiner Familie nicht in Auschwitz geblieben wären?
Ich weiß, viele von euch stellen sich diese Frage nicht. Für viele scheint die Zeit weit entfernt. Doch wissenschaftliche Studien zeigen, dass schwerste Traumata über Generationen weiterwirken können. Man nennt das transgenerationales Trauma. Es steckt also in meinem Fleisch.
Die Angst vor weißen Kitteln. Die Angst vor Behörden.. Dinge, die sich manchmal nicht erklären lassen und doch da sind.
Wie traumatisiert muss ein Mensch gewesen sein, der in einer Zeit lebte, in der sein Leben nichts wert war? Dem man die Familie nahm, die Kinder, die Alten, den Namen und die eigene Identität.
Gestern durfte ich an einer Führung des Verband deutscher Sinti und Roma Landesverband Hessen durch die Ausstellung „der Weg der Sinti und Roma“ im Justus Liebig Haus teilnehmen. Herr Strauss erzählte von einem Bild, auf dem eine Mutter ihr eigenes Baby so fest an sich drückt, bis es erstickt. Nicht aus Grausamkeit, sondern aus Liebe. Weil sie es lieber selbst gehen ließ, als es den Ärzten in Auschwitz zu überlassen.
In diesem Moment konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten.
Es waren nicht nur Tränen des Mitgefühls. Es waren Tränen der Erinnerung. Ich weine für die Menschen, die diese Todesmühlen durchleben mussten. Für meine Ururgroßeltern. Für meine Urgroßmutter, die nicht wusste, ob sie ihre Eltern jemals wiedersehen würde.
Und vielleicht weine ich auch für den Schmerz, der nie ausgesprochen wurde und trotzdem bis heute weiterlebt.
Er steckt in uns. Im Fleisch. In Erinnerungen, die wir nie selbst erlebt haben und die uns trotzdem berühren.
Ich öffne diese Büchse der Pandora nicht gern. Doch ich arbeite gerade an einer neuen Ausstellung und lasse genau diesen Schmerz in meine Kunst einfließen. Deshalb wollte ich diese Gedanken heute mit euch teilen.
Rede von Sis Sita zum Europäischen Holocaust-Gedenktag
Am 04.08 teilt der Sinti Verein die bewegende Rede von Sis Sita, die sie anlässlich des Internationalen Gedenktages für die Opfer des Holocaust an den Sinti und Roma am Mahnmal in Berlin gehalten hat.
Mit eindrucksvollen Worten erinnert sie an das Leid der Sinti und Roma während des Nationalsozialismus, an die Geschichten ihrer Familie und daran, warum Erinnerung und Verantwortung bis heute so wichtig sind.
Nachfolgend findet ihr ihre Rede:
„Ich war gestern zum internationalen Gedenktag des Holocaust für Sinti und Roma am Mahnmal in Berlin und durfte eine Rede halten.
Ich war ziemlich nervös, weil ich noch nie eine Rede vor so vielen Menschen gehalten habe. Als ich gefragt worden bin, habe ich zuerst gesagt: Nein, das schaffe ich nicht. Aber im zweiten Moment dachte ich: Halt, ich muss es tun. Denn ich trage Verantwortung. Für meine Menschen. Für ihre Geschichten, die nicht vergessen werden dürfen.
Nicht als Politikerin. Auch nicht als Historikerin, denn das bin ich nicht. Sondern als Sintizza. Als Enkelin. Als Nichte.
Ich bin mit den Geschichten meiner Alten aufgewachsen. Sie stehen in keinem Buch. Sie leben in uns.
Aber nicht alle konnten darüber sprechen. Die Geschichten, die wir hörten, wurden von unseren Alten erzählt.
Ich habe als Kind oft meine Alten gefragt: „Gacko, warum fehlen dir drei Finger?“ Oder: „Bibi, warum hast du nur ein Auge?“ Oder: „Was bedeutet diese Nummer auf deinem Arm?“ Oft haben sie sofort abgelenkt. Manchmal wurden sie sogar ein bisschen schroff. So schroff, dass ich gemerkt habe: Ich frage lieber nicht noch einmal nach.
Aber manchmal gab es diese Momente. Dann stellte ich eine Frage und plötzlich drifteten sie ab. Sie schauten ins Leere. Man konnte sehen, wie sie in ihren Erinnerungen zurückgingen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Für ein paar Sekunden hatten sie vergessen, dass ich überhaupt noch da war. Und dann kamen sie langsam wieder zurück, als würden sie aus ihren Erinnerungen auftauchen. Sie fassten sich wieder. Und dann erzählten sie doch.
Eine der Geschichten unserer Alten werde ich nie vergessen. Sie erzählte, dass sie als junge Frau mit vier kleinen Kindern im Konzentrationslager von ihrem Mann getrennt wurde. Mit ihren vier Kindern wurde sie von Lager zu Lager verschleppt. Insgesamt war sie in vier verschiedenen Lagern.
In einem dieser Lager, Auschwitz-Birkenau, starb eines ihrer Kinder in ihren Armen – an Hunger und Durst. Doch das Grauen hörte nicht auf.
An einem anderen Tag musste sie von einem Güterwagon Zuckerrüben abladen. Unten arbeiteten ihre Cousine und deren kleiner Sohn, vielleicht acht oder neun Jahre alt. Der Junge war völlig entkräftet. Er konnte einfach nicht mehr.
Ein SS-Mann kam auf ihn zu und wollte ihn schlagen. Die Cousine stellte sich schützend vor ihren Sohn. Der SS-Mann erschoss zuerst die Cousine. Dann ihren kleinen Sohn. Die Frau musste alles mit ansehen. Sie durfte nicht zu ihnen laufen. Sie durfte ihnen nicht helfen. Sie musste weiterarbeiten.
Und das war nur eine Geschichte von vielen. Geschichten, die unsere Alten nur ganz selten erzählten. Manche erzählten sie nur ein einziges Mal. Und manche nahmen sie für immer mit ins Grab.
Und jetzt fragen sich vielleicht manche: Das ist doch 80 Jahre her. Aber was sind 80 Jahre eigentlich? In der Geschichte eines Volkes sind 80 Jahre kaum mehr als ein Augenblick. Es war erst gestern.
Wir sind mit diesen Geschichten aufgewachsen. Es war gestern. Gestern, als an Sinti und Roma ein Genozid verübt wurde. Ein Völkermord, nur weil sie Sinti und Roma waren.
Was meinen Sie, was das mit unserer Generation gemacht hat?
Wir sind groß geworden mit Sätzen wie: „Pass auf, wenn ihr rausgeht.“ „Die Gadje mögen uns nicht.“ „Pass auf deinen Bruder auf. Er ist der Dunkelste von euch.“ „Vertrau den Gadje nicht.“ „Lasst euch in der Schule nichts gefallen. Wenn etwas ist, sagt uns sofort Bescheid.“
Als Kind versteht man diese Sätze nicht. Man denkt, die Eltern oder Großeltern übertreiben. Erst als Erwachsene habe ich verstanden, dass sie uns nicht misstrauisch erziehen wollten. Sie wollten uns beschützen. Diese Sätze kamen nicht aus Hass. Sie kamen aus Angst.
Aus der Angst von Menschen, die erlebt hatten, dass Nachbarn plötzlich wegsahen. Dass Freunde schwiegen. Dass der Staat sie nicht mehr schützte.
Heute wissen wir: Dafür gibt es einen Namen. Man nennt es transgenerationales Trauma. Eine Angst, die nicht mit dem Krieg endete, sondern an Kinder und Enkel weitergegeben wurde.
Doch mit dem Ende des Krieges war für unsere Familien nicht plötzlich alles vorbei. Der Rassismus gegen Sinti und Roma blieb. Viele ehemalige Nationalsozialisten arbeiteten wieder in Behörden, bei der Polizei oder in der Justiz. Gleichzeitig mussten Sinti und Roma jahrzehntelang darum kämpfen, als Opfer des nationalsozialistischen Völkermordes anerkannt zu werden.
Unsere Menschen haben so viel Leid, so viel Elend und so viel Schmerz erlebt, dass wir uns das heute kaum noch vorstellen können.
Und heute stehen wir hier an diesem Mahnmal. Weil wir ihrer gedenken. Weil wir uns erinnern. Aber vor allem, weil wir mahnen, dass so etwas nie wieder passieren darf.
Am Anfang meiner Rede habe ich gesagt, dass ich heute hier stehe, weil ich Verantwortung trage. Aber wenn ich jetzt in diese Runde schaue, dann glaube ich, dass wir alle Verantwortung tragen. Wir tragen die Verantwortung, die Geschichten unserer Alten weiterzuerzählen. Und wir tragen gemeinsam die Verantwortung dafür zu sorgen, dass sie niemals vergessen werden.
Denn Erinnerung ist nicht die Aufgabe weniger. Sie ist die Verantwortung von uns allen.“
Gedenken am Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma
Am 2. August 2026 hat der Sinti-Verein am Mahnmal am Diebsteich der Opfer des nationalsozialistischen Völkermordes an den Sinti und Roma gedacht.
Christian Rosenberg hielt eine bewegende Rede über die Bedeutung des Erinnerns, die Verantwortung der Gegenwart und die Notwendigkeit, Antiziganismus entschieden entgegenzutreten. Wir laden alle herzlich ein, sich diese Rede anzuhören.
Der 2. August erinnert an die Nacht vom 2. auf den 3. August 1944, als das sogenannte „Zigeunerlager“ im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von den Nationalsozialisten aufgelöst wurde. In dieser Nacht wurden die letzten noch dort inhaftierten Sinti und Roma – überwiegend Frauen, Kinder und ältere Menschen – in den Gaskammern ermordet. Insgesamt fielen dem nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma schätzungsweise 500.000 Menschen in Europa zum Opfer.
Der Sinti-Verein wird auch künftig dazu beitragen, die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten und sich für Aufklärung, Menschenwürde sowie den Kampf gegen Antiziganismus einzusetzen.
Wir erinnern. Wir gedenken. Nie wieder.

